Nebelspalter Politik

Eine glückliche Schweiz braucht nicht mehr, sondern weniger Zentralisierung. Und schon gar keine institutionelle Anbindung an die Europäische Union.

Dies gelesen: «Wie bekommt die Schweiz das hin?» (Quelle: bild.de, 14.7.2026)

Das gedacht: Die Uhren in der Schweiz ticken anders. Eine Tatsache, die in der Zwischenzeit auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wird. Beispielsweise von zwei Professoren, die in der Bild-Zeitung feststellen, dass die Schweiz besser durch Krisen kommt und die Erwerbstätigen kaufkraftbereinigt wesentlich mehr verdienen.

Fakten, die bei der Bevölkerung schon längst und ohne wissenschaftliche Aufarbeitung angekommen sind. Die kleine Schweiz ist für deutsche Auswanderer mit grossem Abstand das beliebteste Zielland. Im Jahr 2025 zogen 22’739 Personen in die Schweiz. Knapp drei Mal mehr als im Jahre 2000.

Erklärt wird der Stillstand in Deutschland von den beiden Wissenschaftlern unter anderem mit zu viel Bürokratie, mit komplizierten Verfahren und Vorschriften. Diese bremsen Investitionen und Wachstum. Deutschland steckt «in einer Erneuerungskrise».

Ganz anders die Schweiz. Diese «setzt stärker auf Pharma, Chemie, Medizintechnik, Präzisionstechnik und Finanzdienstleistungen. Dazu kommen niedrigere Schulden und solide Staatsfinanzen der Schweiz.»

Small is beautiful

Alles schön und gut. Was in den professoralen Erklärungsversuchen jedoch fehlt, sind die politischen Rahmenbedingungen. Das Erfolgsmodell Schweiz ist kein Selbstläufer, sondern eine direkte Folge unserer institutionellen Besonderheiten. Die direkte Demokratie, der Föderalismus und das Milizsystem machen den Unterschied.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt. Er betrifft nicht nur die Schweiz. Kleinere Staaten sind wirtschaftlich erfolgreicher. Und, noch entscheidender: In kleineren Staaten sind die Menschen glücklicher. Small is beautiful.

Eine Erfahrung, die von zwei internationalen Untersuchungen bestätigt wird:

  • Die renommierte Business School IMD in Lausanne vergleicht jedes Jahr die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Staaten. Angeführt wird die Rangliste von kleineren Ländern. Dazu gehört die Schweiz. Erst an zehnter Stelle kommt mit den USA die erste Grossmacht.
  • Noch ausgeprägter sind die Ergebnisse des World Happiness Reports, der von der Universität Oxford im Auftrag der UNO erarbeitet wird. Auch hier ist das Ergebnis eindeutig: Die glücklichsten Menschen leben in Kleinst- und Kleinstaaten. Abgeschlagen hingegen die USA, Deutschland und Frankreich.

Organisation setzt Uniformität voraus

Auch wenn man Rankings nicht überbewerten darf, so ist doch offensichtlich, dass kleine politische Einheiten erfolgreicher sind als grosse. Eine Beobachtung, der Leopold Kohr bereits vor vielen Jahren auf den Grund ging. Als Träger des Alternativen Nobelpreises galt Kohr einst als Lichtgestalt linker Politik.

Nach Ansicht von Kohr ist das Hauptproblem unserer Zeit nicht national oder ideologisch, sondern dimensional. Unter anderem wies er darauf hin, dass der Einfluss des Einzelnen in Massenstaaten nur durch Formalitäten, Formulare und Organisation gelenkt werden kann. Gute Organisation setzt aber totalitäre Uniformität voraus und nicht demokratische Vielfalt.

Zunehmende Zentralisierung

Vereinheitlichung ist – so Kohr – für einen Demokraten eine gefährliche Untugend. Eine Untugend, die sich auch in der Schweiz breit macht. Regionale und kantonale Unterschiede werden nicht mehr als Chance, sondern als Belastung wahrgenommen.

Ob in der staatlichen Betreuung von Kindern, dem Abschuss von Wölfen oder in der Frage des Frühfranzösisch – immer und überall werden einheitliche Lösungen auf Bundesebene angestrebt.

Besonders besorgniserregend ist, dass die entscheidenden Kräfte der Zentralisierung nicht nur in Bundesbern, sondern auch in den Kantonsregierungen selbst sitzen. Angetrieben von der Aussicht auf Subventionen arbeiten diese an der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Vielfalt in der Einheit

Und dabei soll es nicht bleiben. Geht es nach dem Willen des Bundesrates und dem Kartell der Kantonsregierungen KdK, dann soll in Sachen Vereinheitlichung bald einmal die nächste Stufe gezündet werden. Mit den Rahmenverträgen will man die Schweiz dem Einheitsbrei aus Brüssel unterordnen.

Die dynamische Rechtsübernahme und die Kompetenzen des Europäischen Gerichtshofs machen die einheitlichen Standards und identischen Regeln der EU auch in der Schweiz zum Massstab aller Dinge. Das Zauberwort heisst «Harmonisierung».

Eine Zielsetzung, die allem widerspricht, was in der Vergangenheit die politische Kultur der Schweiz auszeichnete. Nicht die Harmonisierung, sondern die in der Präambel der Bundesverfassung verankerte «Vielfalt in der Einheit» macht die Schweiz aus.

Die Vielfalt kleinräumiger Strukturen ist nicht das Problem, sondern das Erfolgsrezept der Schweiz. Eine glückliche Schweiz braucht nicht mehr, sondern weniger Zentralisierung. Und schon gar keine institutionelle Anbindung an die Europäische Union.

Erstpublikation am 28.7.2026 auf www.nebelspalter.ch

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