Wer profitiert, bezahlt: Warum das Hochschulstudium einen Preis braucht
Dies gelesen: «Universität Basel verzeichnet neuen Studierendenrekord» (Quelle: watson.ch, 10.9.2026)
Das gedacht: Seit Wochen dominieren Schlagzeilen über die wachsende Zahl an arbeitslosen Hochschulabgängern unsere Medienlandschaft. Als Hauptursache für die Negativentwicklung muss dabei in der Regel die Künstliche Intelligenz herhalten.
Kaum thematisiert werden die finanziellen Anreizsysteme, die das Angebot und die Nachfrage nach einem Hochschulstudium beeinflussen. Wie in meiner Nebelspalter-Kolumne vom 22. September dargestellt, gehören dazu praxisferne Lohnsysteme. Nicht nur, aber ganz besonders in der Bundesverwaltung. Das Diplom zählt mehr als die Leistung.
Vergleichbares gilt für die Angebotsseite. Die Logik der Hochschulfinanzierung ist eine entscheidende Ursache der Mengenausweitung. Angesichts der Komplexität der ganzen Angelegenheit keine leichte Kost. Trotzdem, oder gerade deswegen, lohnt sich der Blick hinter die Fassade der staatlichen Subventionsmaschine:
- Einen Sonderfall in der Bildungsfinanzierung bilden die Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne. Diese werden durch ein vom Bund bereitgestelltes Globalbudget finanziert.
Wesentlich unübersichtlicher präsentiert sich dagegen die Finanzierung der kantonalen Universitäten und der Fachhochschulen.
- Die Beiträge an die Hochschulen für Studierende aus dem Standortkanton sind Teil der kantonalen Bildungsbudgets.
- Für ausserkantonale Studierende sind die Interkantonale Universitätsvereinbarung (IUV) und die Interkantonale Fachhochschulvereinbarung (FHV) entscheidend. Diese legen fest, dass der Wohnsitzkanton dem Standortkanton einen pauschalen Beitrag bezahlt. Bei den Universitäten liegt dieser je nach Studienrichtung zwischen rund 10’000 und knapp 50’000 Franken.
- Dazu kommen Bundesbeiträge. Gemäss dem Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz (HFKG) erfolgt die Verteilung nach leistungsbasierten Bemessungskriterien. Dazu gehören die Zahl der in- und ausländischen Studierenden, die Zahl der Abschlüsse und die Forschungsleistung.
Masse statt Klasse
Das Ganze ist so kompliziert, wie es tönt. Weit weniger kompliziert sind die praktischen Konsequenzen: Das Gesamtsystem belohnt Masse statt Klasse. Mehr Studierende bedeuten für die einzelnen Universitäten und Fachhochschulen automatisch mehr staatliche Mittel.
Im Wettlauf um Subventionen besonders interessant sind ausserkantonale Studierende. Um diese wird heftig geworben. Beispielsweise von der Fachhochschule Graubünden:
- Mit einer Dachmarkenkampagne, die schweizweit auf Plakaten, digitalen Plakatflächen sowie über Display-Formate und Social Media ausgespielt wird, werden neue Studentinnen und Studenten gesucht.
- Ins gleiche Kapitel gehört die laufende Angebotsausweitung. Auch hier stellvertretend für die ganze Branche die Fachhochschule Graubünden. Für das Studienjahr 2026/27 wurden zwei neue Masterstudiengänge eingeführt.
Katastrophales Betreuungsverhältnis
Selbstverständlich sind finanzielle Fehlanreize nur ein Teil des Problems. Diese Feststellung ändert aber nichts an der grundsätzlichen Herausforderung. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Studierenden an den Schweizer Hochschulen mehr als verdoppelt, die Zahl der Studentinnen und Studenten aus dem Ausland verdreifacht.
Ein Mengenwachstum, das ohne Abstriche in der Bildungsqualität nicht zu haben ist. Dies zeigt sich unter anderem im Betreuungsverhältnis, dem Verhältnis von Studierenden und Lehrkräften an einer Hochschule.
Gemäss Werner Inderbitzin, dem ehemaligen Rektor der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sind in bestimmten Fachbereichen die Betreuungsverhältnisse abenteuerlich, um nicht zu sagen katastrophal.
Wer profitiert, bezahlt
Staatliche Leistungen, die individuell konsumiert und kollektiv finanziert werden, ziehen eine unbegrenzte Nachfrage nach sich. Überkonsum und Unterfinanzierung sind die zwingenden Folgen von kollektiven Umverteilungssystemen.
Die Fehlentwicklungen im Hochschulwesen sind Ausdruck dieses strukturellen Problems. Wer die Qualität der Ausbildung sichern und die öffentlichen Finanzen entlasten will, kommt deshalb an einem Paradigmawechsel bei der Finanzierung nicht vorbei:
- Die Studierenden müssen in Zukunft einen wesentlichen Teil der Kosten ihres Hochschulstudiums selbst finanzieren. Wer profitiert, bezahlt.
Mit dem Modell einer nachlaufenden Studiengebühr präsentierte ich 2011 einen möglichen Lösungsansatz:
- Die Absolventen der Hochschulen bezahlen nach Abschluss, beziehungsweise nach dem Abbruch ihres Studiums eine Hochschulabgabe, deren Höhe sich nach der Anzahl der absolvierten Semester bemisst.
- Für die Bemessung der jährlich zu zahlenden Hochschulabgabe wird auf die direkte Bundessteuer abgestellt. Damit entfallen sämtliche zusätzlichen administrativen Aufwendungen.
- Trotz einer höheren finanziellen Belastung stellt die nachlaufende Studiengebühr sicher, dass der Zugang zu einem Hochschulstudium nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängt.
Studierende werden zu Kunden
Mit der nachlaufenden Studiengebühr erhält die tertiäre Ausbildung einen Preis. Man kann davon ausgehen, dass dieser Preis die Marktorientierung bei der Wahl eines Studiums verbessert.
Wer für ein Studium bezahlen muss, wird genauer hinschauen, was er bei der Qualität der Lehre, der Betreuung und letztlich bei den beruflichen Perspektiven als Gegenwert bekommt. Studierende werden zu Kunden. Der Qualitätsdruck steigt.
Ein Paradigmawechsel, der im Nachgang zur Präsentation meines Vorschlags von Vertretern der Hochschulen heftig kritisiert wurde. Wenig überraschend. Schon Machiavelli wusste, dass der grösste Feind der neuen Ordnung ist, wer aus der alten seine Vorteile zog.
Erstpublikation am 20.10.2026 auf www.nebelspalter.ch

