Nebelspalter Politik

Wie die FDP Schlachten gewinnt und den Krieg verliert

Dies gelesen: «Besonders freuen mich die Erfolge der FDP bei den Volksabstimmungen.» (FDP-Co-Präsident Benjamin Mühlemann, 20min.ch, 6.8.2026)

Das gedacht: Die FDP und die ehemalige CVP, heute Die Mitte, verbindet die gemeinsame Geschichte. Am Anfang ihrer nationalen Organisation standen unterschiedlichste kantonale Gruppierungen. Erst im Laufe der Jahrzehnte entstanden in einem mühsamen und langwierigen Prozess nationale Mitgliederparteien.

Diese kantonalen Unterschiede sind noch heute sichtbar. Die FDP-Kantonalparteien in der Westschweiz sind deutlich linker positioniert als ihre Parteifreunde in der Deutschschweiz. «Les Radicaux» denken und handeln zentralistischer und staatsgläubiger als die Freisinnigen in der Deutschschweiz.

Unterschiede, die auch auf die Mitte-Partei zutreffen. In der Innerschweiz kommt der katholisch-konservativen Tradition eine grössere Bedeutung zu als in städtisch geprägten Kantonen.

Föderalistische Struktur

Die traditionelle Parteienlandschaft widerspiegelt die föderalistische Struktur der Schweiz. Und wie der Föderalismus steht auch diese im Gegenwind. Kantonale Unterschiede gelten nicht als Chance, sondern als Problem.

Einfacher haben es Parteien, die wie die Grünen oder die SVP ihren Aufstieg nationalen Themen verdanken. Vergleichbares gilt für die SP, die in der Tradition der sozialistischen Internationale auf Parteidisziplin und Unterordnung setzt.

Unterschiedliches Abstimmungsverhalten

Diese Unterschiede bestätigt die VOX-Analyse zum Abstimmungsverhalten bei der 10-Millionen-Initiative:

  • 95 Prozent der SVP-Sympathisanten stimmten für die Initiative. Die Wählerinnen und Wähler der SP und Grünen legten zu 90 Prozent ein Nein in die Urne. Viel geschlossener geht es nicht.
  • Ein ganz anderes Bild präsentierte sich bei den beiden Parteien der traditionellen Mitte. Rund ein Drittel der Abstimmenden stellte sich gegen die Abstimmungsempfehlung der ihnen nahestehenden Parteien.

In der FDP waren dies im Durchschnitt aller Kantone 38 Prozent. Da dieses Ergebnis durch die deutliche Ablehnung in der Westschweiz und in den grossen Städten beeinflusst wird, kann man davon ausgehen, dass beispielsweise im eher ländlichen Kanton St.Gallen knapp die Hälfte der FDP-Wähler gegen die Parole der eigenen Partei stimmte.

An sich nichts Beklagenswertes. Kantonale Unterschiede gehören zum politischen Leben der Schweiz. Und genauso selbstverständlich ist, dass nationale Parteien eine Parole beschliessen und diese gegenüber Minderheiten in der eigenen Partei vertreten.

Schlacht gewonnen, Krieg verloren

Problematisch wird die ganze Angelegenheit jedoch, wenn sich die FDP wie im Kampf gegen die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP an die Spitze der Nein-Allianz stellt und ohne mit den Wimpern zu zucken die Chaos-Kampagne der Gewerkschaften übernimmt.

Eine FDP, die mit den Kampfparolen der Linken gegen starke Minderheiten in der eigenen Partei antritt, gewinnt möglicherweise die Schlacht, verliert aber den Krieg. Eine Entwicklung, die sich bereits am Abstimmungswochenende der 10-Millionen-Initiative abzeichnete.

Die Spitzen der FDP und der Mitte-Partei feierten sich in Bern als grosse Abstimmungssieger. Bei den gleichzeitig stattfindenden Wahlen in den Grossen Rat des Kantons Graubündens verloren beide Parteien zusammen 10 Sitze, die SVP gewann 10 Sitze.

Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit

Und dabei steht die wirkliche entscheidende politische Schlacht erst bevor. Auch bei der Abstimmung über die Rahmenverträge werden sich starke Minderheiten in der FDP gegen die offizielle Parteilinie stellen. Sie sagen Nein zum Ausverkauf der direkten Demokratie.

Diesen Konflikt wird die FDP nur dann ohne grösseren Schaden überstehen, wenn sie im Abstimmungskampf auch abweichende Stimmen aus den eigenen Reihen zu Wort kommen lässt. Zumindest für eine Partei mit der Bezeichnung «Die Liberalen» im Namen im Grunde genommen eine Selbstverständlichkeit.

Sollte die Parteizentrale jedoch einmal mehr die linke Krawallrhetorik übernehmen und grosse Teile der eigenen Wählerschaft als unwissend und ewiggestrig ausgrenzen, werden sich viele bisherige Wähler endgültig von ihrer Partei verabschieden.

Und damit eine Entwicklung nachvollziehen, die bestens zur angestrebten Integration in die Europäische Union passt: In Italien und Frankreich sind die traditionellen Volksparteien längst von der Bildfläche verschwunden. In Deutschland sind sie auf dem besten Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Erstpublikation am 2.6.2026 auf www.nebelspalter.ch

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