Systempluralismus

Die Komplexität der modernen Gesellschaft wird mit perfekter Organisation bewältigt. Bürokratisierung und Zentralisierung durchdringen alle Bereiche der Gesellschaft. Erfolgreiche Institutionen beherrschen klare Regelungen, Standards und Kontrollen. Dies verändert sich. Die Digitalisierung eröffnet ungeahnte Chancen zur Bewirtschaftung von Verschiedenheit. Der Aspekt der Pluralität tritt in den Vordergrund. Vielfalt ist die wichtigste Ressource der Wissensgesellschaft. Heute geht es darum, mit neuen Organisationsformen Antworten auf die Herausforderungen der Computergesellschaft zu finden. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Wir wissen aber, in welche Richtung wir uns bewegen müssen, um uns den Herausforderungen einer nächsten Gesellschaft entsprechend zu verändern:

  1. Systempluralismus. In der nächsten Gesellschaft existiert für alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens nebeneinander eine Vielzahl von unterschiedlichsten Systemen.
  2. Entgrenzung. Die Grenzen zwischen den Systemen verlaufen entlang gemeinsamer Einstellungen, Visionen und Werte. Nationale und territoriale Grenzen verlieren an Bedeutung.
  3. Freiwilligkeit. Die Motivation des Einzelnen kommt aus der Aussicht, Mitglied eines Systems zu werden oder bleiben zu können. Freiwilligkeit ersetzt Zwang.
  4. Dezentralisierung. Die Dominanz des Ganzen über die einzelnen Systeme wird durch die Umkehrung ins pure Gegenteil ersetzt, die denkbar extremste De-Zentralisierung.
  5. Endlichkeit. Die Systeme der nächsten Gesellschaft sind flüchtig, von sich aus unruhig. Sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.
  6. Netzwerke. Der Erfolg beruht nicht länger auf schlagkräftiger Einheit, sondern kluger Vernetzung von Systemen. Netzwerkeffekte ersetzen Skaleneffekte.
  7. Abweichung. Nicht die Gleichheit, sondern die Abweichung macht die Qualität eines Systems aus. Es zählt die Weisheit von Vielen, die Andersartigkeit des Einzelnen.
  8. Selbstorganisation. Entscheidungen und Projekte werden auf möglichst viele eigenverantwortlich handelnde Einheiten verteilt. Selbstorganisierte Systeme bedingen Ermöglichung und Ermächtigung.
  9. Agilität. Es gibt nicht eine einzige, für alle verbindliche und dauerhafte Lösung. Lebendige Systeme sind agil, reagieren laufend auf Veränderungen.
  10. Individuum. Das Mass aller Dinge ist der Mensch, nicht die Menschheit, die Gesellschaft, die Nation oder der Staat. Und auch nicht das System.

Quelle: Systempluralismus – Politik im 21. Jahrhundert.